Gestaltung von Textilien beeinflusst den Zeitgeist, 
den Fortschritt und die Verhältnisse in der Gesellschaft 

Noch Ende des 19. Jahrhunderts zwängten sich viele Frauen in enge Korsetts, um den Modevorstellungen ihrer Zeit zu entsprechen. 

Bis dahin wurde Kleidung so gut wie ausschließlich von männlichen Modeschöpfern entworfen.


Es war unbestritten, dass das enge Korsett die Frauen schädigte.
Das Korsett schnürte die inneren Organe ein. Viele Mädchen, die es trugen, fielen in Ohnmacht, einfach weil ihnen im wahrsten Sinne des Wortes "die Luft wegblieb".


In einem engen Korsett konnte eine Frau höchstens sittsam auf dem Stuhl sitzen und Tee trinken oder dem Personal Befehle erteilen.

Auch andere zu dieser Zeit übliche Kleidungsstücke schränkten die Bewegungsfreiheit der Frauen stark ein.

Die gutbürgerliche Frau war damals von Beruf Gattin, die familiäre Vorherrschaft hatte der Mann inne. 

Ohne die Zustimmung ihres Mannes durfte eine Verheiratete um 1900 weder einem Broterwerb nachgehen noch über ihr Geld verfügen, noch ihren Wohnort bestimmen. Sie hatte nicht einmal das Recht auf ihre Kinder. Das Einzige, was ihr als Hausfrau zustand, war die Schlüsselgewalt über die Speisekammer. 

Mode bewegt sich seit jeher am Puls der Zeit, spiegelt aktuelle Haltungen und greift gesellschaftliche Veränderungen auf. Heute wie damals. Kein Wunder also, dass Mode auch die emanzipatorische Botschaft transportiert hat.


Kleidung als Ausdruck von Selbstbestimmung – so sah Coco Chanel Fashion und revolutionierte als erste bedeutende Frau der Modewelt die Mode der Jahrhundertwende.


Sie etablierte knielange Röcke und bequeme Damenlooks aus Jersey. Aus Fashionsicht war Jersey eine Revolution. Denn das fließende Material engte den Körper nicht ein und bildete damit einen Gegenpol zum Diktat der genormten Silhouette. 


Ohne Frage war Coco Chanel das Stilvorbild der 20er Jahre – sie befreite die Frauen endgültig vom Korsett.

Am deutlichsten zeigte sich die fortschreitende Emanzipation am sog. „Garçonne“-Stil. Frauen kleideten sich auf spielerische Art wie Männer – mit Rock oder Hose, Hemd mit Manschettenknöpfen und weit geschnittenem Sakko. 
Mit Kurzhaarschnitt ein modisches Statement für Rebellion und Freiheit.

1946, Deutschland in Trümmern, da beginnt die Zeit der Frauen. 


Sie sind es, die zu Hause ausgeharrt haben. Sie sind es, die jetzt mit dem leben müssen, was übrig geblieben ist. Das Bild der Trümmerfrau mit Kopftuch inmitten apokalyptisch wirkender Häuserruinen ist mit der frühen Nachkriegszeit verbunden wie kaum ein anderes.

Die Frauen organisieren das Überleben: einen warmen Platz zum Schlafen, die nächste Mahlzeit.


Sie nähen sich Mäntel aus alten Uniformen, ihre Kleider haben sie schon x-mal gewendet, geflickt und gefärbt.

Die Frauen nähten nach: Wespentaille, schwingender Rock. Der „New Look“ prägte die Mode der Nachkriegszeit. Man war erfinderisch. Alte Klamotten wurden aufgetrennt, Betttücher umfunktioniert, Militäruniformen zerschnitten.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ – so steht es seit 1949 im Grundgesetz. 


Doch die Realität zu Beginn der 50er Jahre war eine andere. Mit der Hochzeit verloren Frauen nicht nur ihren Nachnamen, sondern auch das Recht, über wesentliche Dinge zu entscheiden. 

So konnten Ehemänner den Job der Frau kündigen und ihr Vermögen verwalten. Wollte eine Frau den Führerschein machen, brauchte sie die Erlaubnis ihres Mannes.


Genau das konnte man auch an der Mode erkennen – die Damenmode der 50er zeigte sich züchtig, anmutig und adrett. 

Das Leben der Frau war auf Hausfrau und Mutter reduziert. Sie war gesetzlich verpflichtet, den Haushalt zu führen. Tagsüber hielt sie alles in Ordnung, abends wartete sie auf die Rückkehr des Mannes. 


Wadenlange Röcke, eine betonte Taille und enge Oberteile sorgten für eine feminin-zierliche Figur. 

Petticoats unter den Tellerröcken gaben den Hüften noch mehr Volumen und betonten zusätzlich die Taille, ärmellose Oberteile mit eingearbeiteten Korsagen zauberten eine weibliche Linie – zusätzlich betont durch einen elastischen Taillengürtel. 

Aenne Burdas revolutionäre Idee, ihrem Modemagazin ab 1952 Schnittmuster zum Nachnähen der gezeigten Modelle beizulegen, machte ihr Magazin zu einem großen wirtschaftlichen Erfolg. Zum ersten Mal konnten die Leserinnen die neueste Mode kostengünstig selbst anfertigen, während die Kleider aus anderen Modemagazinen für die Durchschnittsfrau unerschwinglich blieben.


Die DIY-Bewegung entstand in den 1950er Jahren unter Einfluss der Arts-and-Crafts-Bewegung in England und eroberte schnell den Kontinent.


1958 fiel das „Letztentscheidungsrecht“ des Mannes, die starren gesellschaftlichen Normen der Nachkriegsjahre brachen auf und konsequent bahnte sich auch modisch eine Revolution an: 
der Minirock. 

Die Kreation der englischen Modeschöpferin Mary Quant endete mindestens 10 cm über dem Knie. 


Skandalös aus Sicht der älteren Generation – und Ausdruck des Protests der jungen Frauen gegen das festgelegte Rollenbild. Sie befreiten sich von dem Dogma, immer adrett aussehen zu müssen.


Ab jetzt zeigten Kleider und Röcke auch keine Hüfte mehr.  Passend zu den kurzen Röcken kam die Strumpfhose auf den Markt und löste die unbequemen und unhandlichen Strumpfbänder ab. 


Der Siegeszug des Minirocks war nicht mehr aufzuhalten – er wurde zum Verkaufsschlager der 60er und 70er Jahre. Mitte der 60er Jahre etablierten sich langsam auch Hosen – und doch wurde Frauen mit langen Beinkleidern noch bis 1970 der Zutritt zu Luxushotels untersagt.

Am Anfang der 70er Jahre war es dann so weit. 


Im Zuge der Hippiezeit bekam auch der Wunsch nach Gleichberechtigung wieder Aufwind. 

Die französische Frauenbewegung und Alice Schwarzer kämpften medienwirksam für die Selbstbestimmung der Frau. 


Erst seit 1977 sind Frauen nicht mehr per Gesetz dazu verpflichtet, den Haushalt zu führen.


Weite Hosen, Röcke und Kleider, farbenprächtige Prints, Kopfbänder und bunte Brillen – die Mode war so vielfältig und voller Möglichkeiten wie nie zuvor. Und spiegelte damit die ambivalenten Jahre voller unterschiedlicher Strömungen. 


 Im Vergleich zu den taillenlosen Silhouetten der Sechziger unterstrichen Frauen teilweise wieder ihre Weiblichkeit. Hochgeschnittene Hosen oder bauchfreie Tops betonten die Körpermitte. Oder sie hüllten sich in fließende, fantasievoll bedruckte Maxikleider. 

Alles war möglich. In jeder Hinsicht. 


Auch die Do-it-yourself-Bewegung der 1960er und 1970er ist geprägt von einem Glauben an Selbstermächtigung, Selbstorganisation, Improvisation, Eigeninitiative und oft einem Misstrauen gegenüber etablierter Autorität, gegenüber passivem Konsum, Produkten der Industrie und Vorgaben der Massenmedien.


Die Kleidung, die DDR-Bürger in den HO- und Konsum-Läden kaufen konnten, war von guter Qualität, modischen Trends folgte sie jedoch nicht.


Die DDR-Frau griff auf alle Materialien zurück, die sich nur irgendwie eigneten und war dabei ausgesprochen erfinderisch. 

Es gab wunderbare Leinenstoffe, nur waren das Bettlaken. Man hat sie einfach gekauft und gefärbt und daraus Jacken, Röcke, Hemden und Blazer gemacht. 


Stoffwindeln waren ideale Textilien für leichte Sommerblusen und Sommerkleider. Junge Frauen leierten ihren Großmüttern ihre bestickte Leinenunterwäsche aus den Rippen, um daraus Sommerkleider zu nähen. Möbelbezugsstoffe waren beliebt, um daraus Jacken herzustellen. 


Lederabfälle, die bei der Textilproduktion entstanden, wurden zu Röcken und Jacken verarbeitet, aus Bast wurden Taschen gehäkelt. Sogar Scheuerlappen wurden umfunktioniert. Wegen ihrer weichen Struktur waren sie bestens als Innenfutter von Jacken geeignet.


Mitte der Neunziger propagierte Burda noch einmal die Vorzüge des Selbernähens. Da heißt es in einem Werbetext augenzwinkernd: „Hätte Gott gewollt, dass wir von der Stange kaufen, hätte er uns nicht Hände, sondern Kreditkarten gegeben.“

Die Geschichte zeigt:

Mode hat immer Chancen geschaffen. 


Mutige Fashion-Pionierinnen und Selbermacherinnen haben sich nicht nur für Freiheit und Individualität eingesetzt, sondern diese mit ihren Kreationen und Ideen auch lebendig, sichtbar und vor allem tragbar gemacht. 


Heute sind Frauen in Hosenanzügen längst kein Skandal mehr, sondern voll im Trend. Und die Entwicklung geht weiter: Feminine Styles existieren neben burschikosen, coolen oder klassischen Looks. 

Erlaubt ist was gefällt. 

Für uns ist Mode heute Ausdruck von Individualität, Persönlichkeit und Wahlfreiheit – dem Kern des Themas Emanzipation. 


Die Möglichkeit nach den eigenen Vorstellungen und Überzeugungen Kleidung mit der Nähmaschine herzustellen, birgt also auch immer das Potential modetechnisch neue Wege zu beschreiten, dem Zeitgeist und der eigenen Vision Ausdruck zu verleihen und somit ein kleines Stück Geschichte zu schreiben.